Rassismus: Hermagor schweigt nicht! (13.5.2012)
Türkischer Imbiss-Besitzer aus Hermagor wurde Opfer von rassistischen Schmierattacken. Teile der Bevölkerung und Bürgermeister verurteilen Ausländerfeindlichkeit und Faschismus, das “Kärnten Journal” bestreitet Existenz von Fremdenhass und legitimiert damit rassistisch motivierte Straftaten. Ist es nun an der Zeit für eine Grundsatzdiskussion?
Hermagor. Im März 2012 wurde der türkisch-stämmige Mehmet Keceli Opfer einer rassistischen Straftat. Bislang unbekannte Personen hatten den kurz vor der Eröffnung stehenden Imbissladen Keceli’s mit “Raus!”-Schriftzügen beschmiert und so in rassistischer Manier klarzustellen versucht, dass Ausländer in Hermagor nicht willkommen seien. Viele Hermagorer sowie der Bürgermeister Ronacher verurteilten die Tat und sprachen sich daraufhin gegen Rechtsextremismus aus. Einige jedoch scheinen sich mit dem Phänomen des Rassismus nicht auseinander setzen zu wollen und leugnen darum jegliche Form des Fremdenhasses.
Leugnung von Rassismus. So schreibt sich ein unbekannter Autor in der Mai-Ausgabe des Kärnten Journal über die rassistische Schmieraktion in Hermagor, die zuvor in zwei Meldungen der WOCHE als solche angeprangert wurden, seine reaktionären Rechtfertigungszwänge von der Seele. Unter dem Titel “Hermagor – keine Spur von Rassismus” beklagt der Autor, das mit der Thematisierung von Rechtsextremismus unnötig viel Staub aufgewirbelt werde. Im Falle der rassistischen Schmieraktion in Hermagor hätten sich die Vorwürfe des Rassismus als haltlos entpuppt, weil die Polizei bis dato “keinen Tatbestand erblickte” – der unbekannte Autor fordert darum, dass “die Vorwürfe zurückgenommen werden”, denn “eine solche Anschuldigung haben die Wulfeniastädter und die Gailtaler nicht verdient.” Von Rassenhass gebe es laut “Kärnten Journal” in Hermagor keine Spur. Es gibt nun unzählige Beispiele dafür, diese unsägliche – weil den Rassismus verharmlosende – Behauptung aus dem Medienhaus Berger zu widerlegen. Nur eines soll hier Platz finden.
Die “Gailtaler Saualm”. Im oberen Gailtal steht ein von der Öffentlichkeit abgeschiedenes Sonderlager. Das sei “nicht das gleiche wie die Saualm”, meint die Betreiberin. Tatsächlich werden dort (übrigens in gleicher Weise wie auf der Saualm) asylsuchende Menschen zu “kriminellen Ausländern” stigmatisiert, eingesperrt und in ihren Grundrechten massiv eingeschränkt. Das ist nun kein Problem, das unmittelbar vom Gailtal ausgeht, sondern von den gewählten PolitikerInnen, und das sind in Kärnten die Freiheitlichen (die sind wiederum der österreichische Pendant zur deutschen NDP). Dass die rechtspopulustisch agierende Landesregierung auf die Bevölkerung abfärbt, sieht man aber auch hier: das Gasthaus etwa, das sich am gleichen Ort befindet wie das Sonderlager, dürfen die Asylanten nicht betreten – “weil wir wollen hier unsere Ruhe”, ist die Antwort von den Gasthausbesuchern.
Die Angst vor dem “Fremden”. Als vor wenigen Jahren der Aufbau für den Grafendorfer Kirchtag voll im Gange war, wollten einige Asylanten aus dem Lager dabei mithelfen. Als diese also aus der Abgeschiedenheit nach Grafendorf kamen, um ihre Hilfe anzubieten, wurden in der Ortschaft Türen und Fenster verriegelt, weil unverzüglich Angst vor den “kriminellen Ausländern” ausgebrochen war. Zu kriminellen Akten von seiten der AsylantInnen aus dem Reißkofelbald ist es bisher zwar gar nicht gekommen. Aber die freiheitliche Propaganda entfaltet sich schließlich auch an solchen Orten am besten, wo ein Mensch mit dunklerer Hautfarbe und fremden Akzent ohnehin eine Rarität darstellt – denn das “soll” ja auch so bleiben. Meinen einige.
Blaue Propaganda hinterfragen. In vielen Fällen zieht sich die Zeit der Bearbeitung der Asylanträge über mehrere Jahre. Die eingesperrten, psychisch vorbelasteten Menschen werden während dieser lange andauernden Phase von der Außenwelt abgeschnitten und von der Garantie der Wahrung von Grundrechten systematisch ausgeklammert. Und damit dies auch so bleibt, muss der Bevölkerung auch eingebläut werden, dass die hilfesuchenden Menschen kriminell seien. Eine enttäuschende, aber für die Zukunft sicherlich nicht unabänderliche Konsequenz ist, dass solche Desinformationen auch von weiten Teilen der GailtalerInnen kritiklos hin- und aufgenommen werden, was schließlich zu Rassismus und Fremdenhass führt. GailtalerInnen sind allerdings genauso wenig wie der Rest der Kärntner oder Österreicher prädestiniert für Rassismus und Fremdenhass. Im Gegenteil: viele Hermagorer, darunter auch der Bürgermeister, haben darum die rassistische Schmiererei in Hermagor ganz klar verurteilt und sprechen sich für ein friedliches Miteinander aller Menschen und Völker aus.
Diskussion ist notwendig. Die Bevölkerung braucht darum auch keinen Medienguru, der sie glauben lassen will, dass es keine Probleme mit Rassismus gibt. Ein guter Schritt in die Richtung der Offenheit und Frieden ist es darum, sachlich über Rassismus zu diskutieren, anstatt es zu negieren und totzuschweigen. Das reaktionäre Kärntner Nudl-Kuddl-Muddl des blau gefärbten Berger-Medienimperiums muss darum auch als das qualifiziert werden, was es ist: als frech und herablassend gegenüber Ausländern, denen es schwer gemacht wird, sich im Gailtal eine Existenz aufzubauen. Und als Bestätigung für die Gruppe von Menschen, die mit Rassismus, Faschismus und Rechtsextremismus den Frieden und das menschliche Miteinander zerstören wollen. Ein solch brisantes Phänomen wie Rassismus abzustreiten und totzuschweigen, ist darum unverantwortlich und fahrlässig. Viele Hermagorer erwarten sich darum zurecht eine Entschuldigung für diese journalistische Fehlleistung des Kärnten Journals.
dj, mai 2012
