Israel – Faszinierend kompliziert
Israel – Reisebericht – 01.09.2011-12.09.2011
Während meines Aufenthaltes in Israel male ich mir in Gedanken oft die Szene aus, die vor einigen Wochen anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Berliner Mauer in einem österreichischen Wochenblatt beschrieben stand: der damalige Kanzler Bruno Kreisky besuchte 1978 als erster westlicher Regierungschef die DDR und murmelte bereits bei der Ankunft am Flughafen aufgrund der militärischen Atmosphäre einem seiner Begleiter zu, er fühle sich hier “wie bei den Nazis”.
Ich versuche oft, diese Verbindung zwischen Israel, der DDR und dem deutschen Faschismus, diesen Gedanken, zu überspielen. Doch er haftet an mir, denn tatsächlich ist es nicht schwierig, Israel aufgrund seiner politisch inakzeptablen Haltung zu verurteilen. Die äußerst sensiblen Fragen bei der Ein- und Abreise am Ben Gurion-Flughafen, verbunden mit peniblen Untersuchungen des Gepäcks und einer Atmosphäre des Misstrauens; die langen Wartezeiten und demoralisierenden Behandlungstechniken der israelischen Wache an den Checkpoints v.a. gegenüber arabischen Personen; das permanente Umgeben-sein von jüdischen, bewaffneten Soldatengruppen etc. – das sind und bleiben nur die ersten vorübergehenden Eindrücke eines Gastes in einem Land, das einen immensen Anteil seines Bruttoinlandsproduktes (ein junger Israeli schätzt mir diesen Anteil aktuell auf 15-20%) alleine in die Staatssicherheit und Überwachung investiert.
Ich besuche mit meinen Reisekollegen Robert und Fabian das östlich von Jerusalem gelegene Ramallah im palästinensischen Autonomiegebiet. Die Blicke der arabischen StadtbewohnerInnen, die allesamt auf uns gerichtet sind, als wir durch die Stadt schlendern, verraten vor allem eines: TouristInnen sind hier eine Besonderheit, eine Seltenheit. Denn viel zu oft wird ausländischen Gästen in Israel von einem Besuch im palästinensischen Autonomiegebiet abgeraten. Dass sich dies negativ auf die palästinensische Wirtschaft auswirkt, ist eine Sache. Die andere Sache ist der Versuch des Westens, alle Welt von einem Besuch in Palästina abzuhalten, um die direkte Kommunikation zwischen PalästinenserInnen und Gästen zu unterbinden. Denn hätten die dortigen Einwohner die Chance, Gäste verstärkt auf ihre katastrophale Lage aufmerksam zu machen, wäre dies bestimmt nicht im Sinne Israels. Wir treffen dort auf einen jungen palästinensischen Lokalbesitzer und Studenten, der uns einiges über seine persönliche Einstellung erzählt: “Die Israelis raubten uns das Land, das Wasser, die Arbeit, die Identität und wollen Frieden – also, was für eine Vorstellung von Frieden haben die?”, oder „Tiere haben für Israelis und Amerikaner einen höheren Stellenwert als Palästinenser“. Die hohe Geburtenzahl trägt zu einem raschen Bevölkerungswachstum in den ohnehin ausgehungerten palästinensischen Gebieten bei – die Folgen sind schlechte Ausbildung, hohe Arbeitslosigkeit, Frustration, Unzufriedenheit. Also der Nährboden für radikale Widerstandsgruppen. Der junge Palästinenser beklagt gleichzeitig die unehrliche oder gar fehlende Unterstützung der arabischen Nachbarländer für die palästinensische Sache.
Bei unserer Rückreise am Checkpoint erleben wir schließlich die geballte Ladung Staat: in gefängnisähnlicher Stimmung, umgeben von Käfiggittern und bewaffneten Soldaten hatten wir uns wie so oft auszuweisen und untersuchen zu lassen – hier wird jede Person als potenzieller Terrorfaktor betrachtet. Das zynische und spottende “Welcome to Qalandia” (Danke Robert für die Berichtigung) der mit dem Handy herumspielenden Sicherheitsfrauen hinter den schusssicheren Gläsern und die hilflosen, zum Teil gebrochen wirkenden Blicke der ärmlichen arabischen Leute – in deren der Schrecken von Deir Yasin geschrieben steht – wirken auf mich, als würden hier zwei komplett verschiedene Welten aufeinander treffen – und irgend etwas scheint hier verdammt schief gelaufen zu sein. Eine arabisch-israelische Medizinstudentin erklärt uns, die Israelis handeln mit diesen Checkpoints gegen das Menschenrecht. Aber „die neue Generation von Palästinensern versucht, den Frieden über den Weg der Bildung zu erreichen“, erklärt sie uns selbstbewusst. Die überstürzte Ausrufung eines palästinensischen Staates würde ihrer Meinung nach nichts bringen: „Das ewig unterdrückte Volk würde frei sein, aber käme es mit dieser Freiheit überhaupt zurecht?“
Eine ältere Dame aus Jerusalem, die mich mit großer Gastfreundschaft zu sich nach Hause eingeladen hat, beginnt während unseres Gespräches über den Nahostkonflikt vom ägyptischen Hosni Mubarak zu schwärmen. Der Mann, der bis Februar 2011 eine korrupte Wirtschaftspolitik, einen gewaltsamen Unterdrückungsmechanismus gegen oppositionelle Kräfte sowie ein insgesamt totalitär-autoritäres Regime leitete, wird in Israel aufgrund seiner ideologischen Nähe kritiklos als großer Mann, als großer Herrscher angesehen. Die Revolutionsbewegung in Ägypten wurde und wird von der Muslimbruderschaft mitgetragen – die israelische Gesellschaft fürchtet sich seit dem Fall Mubaraks vor einem neuen Antiisraelismus in Ägypten, der aktuell am Ausbrechen ist. Die Stürmung der israelischen Botschaft in Kairo als Reaktion auf fünf durch Israelis getötete Ägypter im August 2011 lässt einiges für die Zukunft erahnen – die Türkei, die den israelischen Botschafter des Landes bereits verwiesen hat, gilt dafür als Vorbild für junge ägyptische Demonstranten, die den Friedensvertrag mit Israel für null und nichtig erklären wollen. Die besagte nette, alte Dame jedenfalls beklagt sich angesichts dieser Umstände gebetsmühlartig über die Unehrlichkeit und Gefährlichkeit der arabischen Bevölkerung. Ich bin vorsichtig, möchte ihr nicht widersprechen. Sie ist eine liebe, gastfreundliche Frau mit einer verschrobenen Weltanschauung. Beistimmen kann ich ihr nur bei ihrer Feststellung, Österreich wäre nach wie vor ein antisemitisches Land. Als wir uns einander verabschieden, sage ich ihr: “Österreich ist antisemitisch, aber nicht antiisraelisch”. Dieses widersprüchlich scheinende Gedankengut verbreitet hierzulande die Kronen Zeitung und ist meiner Meinung nach auch auf einen großen Teil der Gesellschaft zu übertragen.
Ich verstehe Israels Paranoia und Angst vor dem “arabischen Aggressor”, wie er vonseiten des Westens unentwegt verbreitet und dargestellt, kritiklos übernommen und immer übertriebener dargestellt wird. Die antiarabische Propaganda dringt in die Köpfe der jüdischen EinwohnerInnen, die darauf rechte und zionistische Parteien wählen, die in Wahlkämpfen Versprechungen abgeben, der durch sie selbst verängstigten israelischen Gesellschaft Schutz zu gewähren – und so schließt sich dieser Teufelskreis, der keine Aussicht auf Frieden mit Palästina gewährt. Ein großes Problem im gesamten Nahen Osten scheint meiner Meinung nach die rechte bis rechtsextreme Regierung Israels zu sein, die auf noch so kleine Zugeständnisse und Kompromisse prinzipiell pfeift.
Dann ist da noch dieser junge israelische, sehr freundliche und gesprächsbereite Soldat, mit dem wir unsere Behausung in Jerusalem teilen. Er ist Panzerfahrer und war bereits im Gazastreifen stationiert. Er erzählt seine Story oft und fast so, als müsse er diese Geschichte von sich loswerden, als wolle er sie abwälzen: einen jungen Palästinenser, der in Gaza mit einer Schusswaffe auf seinen Panzer zugelaufen kam, hatte er niedergeschossen. Auf die Frage, die an ihn und einen Freund von ihm gerichtet ist, ob sie Waffen mögen, antworten beide nach kurzem Zögern mit einem „ja“. Er verweist darüber hinaus auf die Geschichte von Gilad Schalit, der 2006 im Gazastreifen aus seinem Panzer gezerrt und seitdem von Palästinensern in Haft gehalten wird. Seinen Hass auf Araber rechtfertigt der junge Soldat recht naiv mit der Aussage: „Wir hassen sie, weil sie uns hassen“ – die Story von Gilad Shalit wurde in den letzten Jahren zu einem israelischen Nationalmythos stilisiert, der den Hass wieder nur schürt und israelische Soldaten über den Weg der Angst gegen die Einwohner in Gaza oder Westjordanland aufzubringen sucht. Die Gewaltspirale lässt grüßen. Besagter Soldat erzählt scherzhaft von den drei Dingen, die man als israelischer Soldat/als israelische Soldatin getan haben muss: 1.) seinen Vorgesetzten f*****, 2.) einen Araber töten und 3.) einmal ins Gefängnis kommen. Ob dieser junge Mann repräsentativ für die israelische Jugend ist, ist fraglich. Am Strand in Tel Aviv treffen wir bspw. auf eine Gruppe äthiopisch-stämmiger Israelis, die sich bewusst weigern, über Nationalitäten oder Konflikte zu sprechen, um nicht die schöne, entspannte Stimmung zu verderben. Wir saßen für einige Stunden zusammen, sprachen über Musik und Festivals, sie boten mir und meinen beiden Freunden auf sehr gastfreundschaftliche Weise Bier und Zigaretten an.
Ich muss in Israel außerdem oft an die Aussage des amerikanischen Politikwissenschaftlers Norman G. Finkelstein denken, der meint, der Nahostkonflikt wäre im Grunde sehr simpel zu erklären und zu lösen, es wird laut ihm immer nur sehr verkompliziert – um vom eigentlichen Ziel, der friedlichen Zweistaatenlösung – abzulenken. So recht Finkelstein in manch anderen Belangen haben mag, so unrecht hat er meiner Meinung nach mit dieser Behauptung. Die gesellschaftliche Konstellation allein der israelischen Bevölkerung (Israel als “Vielvölkerstaat”) ist so kompliziert, vielfältig und z.T. widersprüchlich, dass es bereits hier an einem Konsens scheitern würde. Da sind z.B. die ultraorthodoxen Juden, die bereits ein gespaltenes Verhältnis zum Staat Israel haben. Die Mehrheit lehnt diesen aufgrund religiöser Motivation ab. Ultraorthodoxe Juden lehnen außerdem weltliches Wissen ab, arbeiten nicht und widmen sich ausschließlich dem Studium religiöser Schriften – anders die säkularisierte Gesellschaft, die den Zionismus aus nationalistischer Motivation unterstützt. Aber ob nun politisch engagiert oder nicht: zur Armee müssen alle SchulabgängerInnen, Burschen für drei Jahre, Mädchen für zwei Jahre, mit anschließend jährlich folgenden Übungen. Spätestens dort startet die Indoktrinierung mit nationalistischen Inhalten, mit dem offensichtlichen Ziel, den militärischen Nachwuchs nicht nur kampffähig, sondern auch kriegslüstern zu machen.
Bevor ich mit meinen Freunden durch die Golanhöhen wandere, die 1981 von Israel zur eigenen Sicherheit annektiert wurden, schlagen wir unser Zelt auf einem Fußballplatz in der Kleinstadt Katzrin auf, von der wir den nächsten Morgen aufbrechen wollen. Unser leichter Schlaf wurde jedoch unterbrochen, als plötzlich gegen elf Uhr abends das Bewässerungssystem eingeschaltet wurde. Wir packen also unsere Sachen und ziehen ein Stückchen weiter, um von dem künstlichen Regen verschont zu bleiben. Weil ich nicht mehr einschlafen kann, schlendere ich bis früh morgens durch die kleine Stadt, deren Gärten, Sportfelder und Parks die ganze Nacht lang künstlich bewässert werden. Ich erinnere mich an die Dokumentation “Blut für Wasser”, die den Umgang mit der Mangelware Wasser in israelischen Siedlungen und Kibbuzim anklagt. Israel beansprucht die völlige Kontrolle über die Grundwasservorkommen in dieser Region – die israelische Wasserpolitik ist ganz offensichtlich eine verschwenderische, während PalästinenserInnen der Zugang zu reinem Wasser erschwert oder gar verwehrt wird. Was ich in dieser Nacht sehe, ist der traurige Beweis dafür.
Bei den landesweiten Protesten gegen die Sozialpolitik Netanyahus am 3. September 2011 nehmen wir in Jerusalem mit mehreren Zehntausenden DemonstrantInnen teil. In Tel Aviv, so heißt es, gehen an diesem Tag 300.000 Menschen auf die Straße, um für soziale Gerechtigkeit und gegen die hohen Miet- und Lebenserhaltungskosten in Israel zu protestieren. Eine Gruppe israelischer KommunistInnen hängen ein rund dutzend Meter langes und breites Che Guevara-Transparent von einem mehrstöckigen Wohnhaus und hissen die rote Fahne. Die Reaktion der vorbeziehenden DemonstrantInnen scheint geteilt zu sein, zumal diese Sozialbewegung eine heterogene ist. Jedenfalls, die kommunistische Chadasch ist neben der sozialdemokratischen Balad-Partei und selbstverständlich der Vereinigten Arabischen Liste als einzige antizionistische Partei in der Knesset vertreten. Knapp zehn Prozent der Knesset-Abgeordneten vertreten antizionistisches Gedankengut. Während einer Führung durch die Knesset spreche ich nach einem perfekt inszenierten und beinahe unfreiwillig komischen Israel-Propagandavideo unsere Guide-Frau auf die israelische Verfassung an – die nicht existiert. Sie meinte, Großbritannien und Neuseeland hätten auch keine Verfassung, und das System funktioniere trotzdem. Tatsache ist, dass eine Verfassung eine unverzichtbare Voraussetzung für eine Demokratie ist. Sie mochte sich auch nicht auf eine Diskussion über die Notwendigkeit einer Verfassung einlassen, betonte aber während der rund einstündigen Führung immer wieder aufs Neue, Israel sei eine parlamentarische Demokratie. Leider garantiert aber allein ein Mehrparteiensystem nicht die Einhaltung von Menschenrechten. Im Empfangsraum der Knesset sind drei riesengroße Ölgemälde von Marc Chagall an die Wand gehängt, die sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des jüdischen Volkes mit religiösen Motiven auseinandersetzen.
In der Jerusalemer Altstadt, die in ein christliches, ein jüdisches, ein muslimisches und ein armenisches Viertel geteilt ist, kommt es des Öfteren zu Ausschreitungen zwischen Juden und Muslimen. Auch hier stehen an jeder Ecke mehrere bewaffnete SoldatInnen. Als ich mit Robert und Fabian von einem in Jerusalem lebenden Juden in die Altstadt begleitet werde, weigert sich dieser, in das muslimische Viertel zu gehen, da er hier bereits einmal beinahe von einer Gruppe von Muslimen verprügelt wurde. Als wir dann trotzdem gemeinsam durch den arabischen Markt spazieren und ein Geschäft betreten wollen, verweigert der arabische Verkäufer unserem jüdischen Begleiter den Zutritt. Dieselbe Szene konnte ich im arabischen Viertel bald darauf noch einmal beobachten, als ein jüdisches Ehepaar ein T-Shirt fotografieren wollte, auf dem in einer Google-Suchmaske das Wort „Israel“ eingetragen war und Google die Meldung „Did you mean Palestine?“ ausspuckte. Der aufgebrachte arabische Verkäufer verscheuchte das jüdische Ehepaar und meinte auf meinen Einwand: „Das sind Juden und wir mögen keine Juden“.
Als ich unserem jüdischen Begleiter und Gastgeber – einem jungen Studenten – erzähle, dass in Österreich prinzipiell jede Person studieren und man während dieser Zeit Studien- bzw. Familienbeihilfen beziehen kann, sieht er mich zweifelnd und halb belustigt an. Er muss wie alle israelischen Studierenden mehrere zehntausende Schekel pro Jahr an Studiengebühren bezahlen und kann sich nur mit einem Studentenjob über Wasser halten. Auch die Freiheit, das Fach seiner Wahl zu studieren, ist dort eingeschränkt. Als ich ihm erzähle, dass das Studieren in Österreich doch mit gewissen Lebensstandards vereinbar ist, meint er lachend: „This seems to be pure socialism“. Auf seine Frage, ob es auch in Österreich politische Probleme mit Minderheiten oder anderen Ländern gäbe, erzähle ich ihm vom Ortstafelkonflikt, der politisch und medial über mehrere Jahrzehnte aufgebauscht und zu einem Hauptthema zwischen der scheinbar unversöhnlichen Beziehung (Kärntner) SlowenInnen und ÖsterreicherInnen gemacht wurde. Auch hier reagiert er relativ belustigt, mit welchen – in Relation zu den Problemen in Israel – kleinen Problemen „wir Österreicher“ uns herumzuschlagen haben.
Am selben Abend erzählt er von seinem Wunsch, endlich Frieden im Nahen Osten zu haben. Er meint, dieser Frieden wäre nur erreichbar, wenn Israel bspw. seine SiedlerInnen in den besetzten Gebieten abzieht. Doch wo diese dann leben sollten, sei bereits die erste hinderliche Frage. Die radikalsten jüdischen SiedlerInnen befinden offenbar in Hebron. (Als uns nach der ermüdenden Wanderung durch den Golan ein Pärchen von der Straße bis zur nächsten Bushaltestelle mitnimmt, erfahren wir, dass sie in Hebron wohnen. Die zwei sind sehr hilfsbereit und gastfreundlich, doch als wir aufgrund der Müdigkeit kaum auf die Erzählungen des Mannes eingehen, fragt er uns: „Aber ihr kennt doch das Spiel Israelis gegen Palästinenser?“ Ja, kennen wir. „Und ihr kennt auch das Spiel Siedler gegen Palästinenser?“ Auch. Er nennt es ein Spiel und lächelt dabei freundlich.)
Kein Thema ist für unseren israelischen Gastgeber die Frage, was mit den über 3,5 Mio. palästinensischen Flüchtlingen und deren Nachkommen passieren soll: „Wir können sie nicht zurück nach Israel holen. Das würde unsere Kapazitäten überlasten.“ Seiner Meinung nach könnten die PalästinenserInnen auch (Ost-)Jerusalem zurückhaben, „wenn Ihnen doch nur einmal zu vertrauen wäre“. Er spielt mir und meinem Reisekollegen Fabian einige Youtube-Videos vor, in denen aus israelischer Sicht erklärt wird, wieso die Besatzung im Westjordanland zur Sicherung der israelischen Existenz unbedingt notwendig ist. Dies hat vor allem militärische Gründe, so könnten im Fall von Bombenangriffen aus dem Osten aufgrund der westjordanland’schen Schutzwallfunktion Jerusalem oder sonstige wichtige Orte in Israel leichter geschützt werden. Wieder bekomme ich die volle Ladung israelischer Paranoia präsentiert. Der israelische Student meint bald darauf selbstkritisch: „Israel, Israel, Israel… Wir Juden nehmen uns selbst wohl oft zu ernst.“
Auf dem Weg zum Flughafen mache ich mir schließlich Gedanken über Israel-Kritik. Ob diese erlaubt sein darf, wie diese zu funktionieren hat und wie diese ausgerechnet im deutschsprachigen Raum rezipiert wird. Die Antisemitismus-Keule gegen (antifaschistische) IsraelkritikerInnen durch zionistisch orientierte Gruppierungen ist natürlich eine Sache, die viele vor Israelkritik zurückschrecken lässt. Wenn IsraelkritikerInnen also ausgerechnet von linken Gruppierungen in Österreich oder Deutschland als AntisemitInnen diskreditiert werden, kann man im Umkehrschluss sagen: Indem man heutige antifaschistische Israelkritik diskreditiert, schmälert man bspw. automatisch den Verdienst der vielen ausländischen KritikerInnen gegen das NS-Regimes ab dem Jahr 1933. Antifaschistische Israelkritik ist nämlich bestimmt nicht antisemitisch motiviert, sondern humanistisch. Der umstrittenste Israelkritiker ist wahrscheinlich Noam Chomsky. Für seine sozialwissenschaftlichen Arbeiten, in denen er das Leben der PalästinenserInnen unter israelischer Kontrolle schildert, bekam er ein Einreiseverbot in Israel. Er beschreibt u.a., dass sich gewalttätige jüdische SiedlerInnen bei Übergriffen gegen die palästinensische Bevölkerung der Unterstützung der israelischen Armee bzw. Polizei sicher sein können und sich nicht vor rechtlichen Konsequenzen zu fürchten hätten.
Zusammenfassend kann ich zunächst sagen, dass Israels Gesellschaft sicher nicht die gastfreundlichste ist, aber v.a. viele junge Menschen scheinen sehr offen und gesprächsbereit zu sein. Auffallend ist der Wunsch der Israelis nach Frieden, auch scheint die Mehrheit dieser Gruppe mit möglichen Zugeständnissen zugunsten der PalästinenserInnen keine Probleme zu haben. Doch all diese Aussagen, die ich diesbezüglich zu hören bekomme, scheinen sich eben doch bloß im Rahmen der israelischen, amerikanischen und antiarabischen Propaganda abzuspielen. Ich erinnere darum an die Aussage des jungen Lokalbesitzers und Studenten aus Ramallah: „Sie wollen Frieden – doch was für eine Vorstellung von Frieden haben die?“ Den AraberInnen in den besetzten Gebieten geht es mehr um den Frieden der praktischen Dinge willen: Wasser, Nahrung, Arbeit, Platz, ein bisschen Wohlstand. Niemandem nützt ein Frieden, wenn dieser nicht zur Verbesserung der Lebensbedingungen der PalästinenserInnen beiträgt. Die Eindrücke meiner Israel-Reise haben mich in manchen Vermutungen und Befürchtungen über die israelische Apartheidpolitik bestätigt. Es ist auch ganz anders, alle Vorgänge in Israel in einem Buch nachzulesen, weil hier einem alles so klar erscheint. Sobald man live in Israel ist, hat man das Gefühl, sich gar nicht mehr auszukennen, man tut sich schwer, die Bewohner und die politische Lage einzuschätzen. Man beginnt zu verstehen, wieso sich Israel schützen muss und wie nötig die Verteidigung ist, aber die Art und Weise, wie dies vor sich geht, ist schlicht empörend. Da sind die Assoziationen zu Apartheid, DDR und NS vielleicht nur wenig überspitzt, denn hinter der israelisch-amerikanischen Kriegsmaschinerie arbeitet ja bekanntlich eine große PR- und Medienlobby, die all die ungerechten, unmenschlichen Vorgänge in Palästina als supersauber darstellt.
Nach 12 Tagen Israel mit Besuchen in Jerusalem, Tel Aviv, Ramallah, Totes Meer und den Golanhöhen verlasse ich mit meinem Reisekollegen Fabian Israel. Dieser kritische Bericht soll nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass Israel trotz alledem ein wunderschönes Land ist, das man unbedingt besucht haben muss! Auch wenn man – so wie ich – Gefahr läuft, mit noch mehr Fragen und Verwirrung als Antworten und Klarheit wieder nach Hause fliegen zu müssen…
dj, 2011

Kurze Berichtigung. Die Soldatin am Checkpoint hat “Welcome to Qalandia” gesagt… Der Name des Checkpoints, uebrigens einer der “genauesten”, wenn man es so beschreiben will
Lasser Robert
September 18, 2011 um 9:39 vormittags
Eine Reaktion:
http://davidderklabauter.wordpress.com/
David der Klabauter
September 19, 2011 um 2:55 nachmittags
[...] http://mischkunst.wordpress.com/2011/09/14/israel-faszinierend-kompliziert/#comment-68 [...]
Israel, wie alle anderen. « Willkommen in der Kopfwerkstatt
Februar 8, 2012 um 11:13 nachmittags