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Verstrickungen
Alles begann damit, dass mich mein allererster Freund, Alfons, im Alter von sieben Jahren an das Geländer der Treppe im ersten Stock meines Elternhauses festband, mir einige Hände voll Erde in den Mund stopfte und laut „Schlucken!“ rief, während er begann, mir wild tanzend in den Unterleib zu schlagen. Ich schluckte. Dann kam ich ins Kinderkrankenhaus. Das alles veranlasste mich später aber dazu, das zu werden, was ich heute bin. Ich bin heute 27 Jahre alt. Die Zeit bleibt nicht stehen. Nach dieser Aktion begann ich mich für menschliche Gedanken zu interessieren. Ich habe diese Demütigung hunderte Male in meinen Gedanken abgespielt und sehnte mich schlussendlich nach keiner Sache mehr als dem einen Wunsch, in die Köpfe der Mitmenschen hinein schauen zu können um nach zu kontrollieren, was da drinnen vor sich geht. In der Schule war ich schlecht und nach der Schule hab ich studiert. Heute bin ich Psychologin. Ich helfe Menschen, und Patienten gibt es genug. Rund neun Millionen alleine in Österreich.
Meinem letzten Patienten zum Beispiel ist während des Schwimmens in einem See in Kroatien irgendwie die Badehose abhanden gekommen. Ihm blieb nichts anderes übrig als nackt aus dem Wasser zu steigen und sich durch die Menschenmassen hindurch zu seinem Platz im hinteren Eck der Liegewiese zu schlagen. Da ist er an einer Gruppe kleiner Kinder vorbeigekommen und bekam eine Erektion. Darum ließ man ihn von der Polizei festnehmen. Auf seinem Computer fand man später tausende von Dateien mit kinderpornografischen Inhalten. Ein Polizist, der gerade stolzer Vater geworden war, hatte meinen Patienten aus väterlicher Wut entmannt. Darauf konnte sich mein Patient seine Kinderwünsche in die Haare schmieren. Ich musste ihm über Umwege klar machen, dass es ja schlussendlich im Sinne aller Beteiligten wäre, dass er keine Kinder bekommen könnte. Seine Kinder sind keine Beteiligten, werden nie Beteiligte sein, denn es gibt sie nicht. Wie schön für sie.
Heute habe ich einen neuen Patienten bekommen. Einen Herrn Ziegler. Was mit ihm geschehen soll, weiß ich noch nicht. Er ist ein schwieriger Fall, für mich ein geradezu sonderbarer Fall. Dieser Mann jagte mir bei seiner Ankunft in den Sprechsaal meiner Ordination einen riesigen Schrecken ein. Ich musste ihm eine Spritze mit einer langen Nadel geben, um ihm etwas Ruhe zu ermöglichen. Langsam begann er dann zu erzählen über Dinge, die er erlebt hatte und die ihn so bedrückten, dass er ganz außer dem Häuschen war. Ich befahl ihm, mir seine Geschichte zu erzählen und er müsse von ganz vorne beginnen und alles erwähnen, an das er sich erinnern kann. Sofort begann er.
Er wurde relativ spät zum Bundesheer rekrutiert, Grund dafür ist seine kriminelle Laufbahn. Nun. Nach seiner Grundausbildung wurde er mit einigen anderen, sehr stämmigen Soldaten in ein Gebäude befehligt, wo sich ein ranghoher Offizier hinter seinem Arbeitstisch auf sehr seltsame Weise gab. Dieser ranghohe Offizier bestätigte das Klischee des typischen Schreibtischtäters: mit Zigarre im Mund, seine harten, kantigen Gesichtszüge in einem dicken, kugelrunden Kopf gepolstert, äußerst moderates Auftreten und blaue Augen. In diesem mager beleuchteten Raum. Außerdem war da ein Mann im Raum, der als Koordinator der militärischn Kooperationsprojekte mit staatlichen Unternehmen auftrat. Er war einfach da. Große, knochig-magere Statur. Wie ein kranker Hund, der nicht los lassen will von Menschen und dem Leben.
Die Truppe wurde ohne Umwege in ein Projekt eingeweiht, das seit 1981 zusammen mit dem österreichischen Rundfunk und vielen österreichischen Alterheimen realisiert wird. „Wir haben euch beobachtet. Wir haben ein Auge für skrupellose Menschen, wie sie dieses Projekt voraussetzt“, sprach der Offiziersmund. Die Rekruten waren somit chancenlos, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, weil diese ja schon seit Beginn zu gespannt war. Aber immerhin. Sie waren die „Auserwählten“. „Ihr seid die Auserwählten“. Auserwählte, deren pathologisches Auftreten tatsächlich als Stärke und Voraussetzung für militärische Vorhaben wie dieses gewertet wurde.
Spätestens dann, wenn man nachts in einer gemütlichen Gruppe im Gasthaus über Verschwörungstheorien zu labern beginnt, wird einer einfachen Volksfrau wie mir klar, wie absurd doch unser irdisches Dasein ist. Ob nun die Verschwörungstheorien zutreffen mögen oder nicht, denn selbst wenn sie nicht stimmen, muss es ja noch immer ganz absurd alberne Menschen geben, die so einen hirnischen Müll in die Welt zu setzen imstande sind. Was nun folgt ist mit Sicherheit kein Sprachmüll.
Die Auserwählten wurden zu bedingungslosem Stillschweigen verpflichtet. Die „Elite“ wurde diese Truppe genannt und sofort mit den Eliten aller anderer österreichischen Kasernen vertraut gemacht. Die Eliten-Mitglieder sahen beileibe aus wie ganz unzivilisierte, nach roher Gewalt lüstende Kriegshelden, wahre Barbaren, Grobiane, ohne einen Tropfen Helligkeit im Gesicht. Mein Patient sieht auch grob aus, aber die Elite hinterließ sogar auf ihn einen bleibenden Eindruck. Die neue Truppe, in der sich mein nunmehriger Patient befand, bekam zunächst nur die Aufgabe, den Vollzug der vielen folgenden Befehligungen zu beobachten und sich einzuprägen. Und was mein Patient ab diesem Zeitpunkt zu sehen bekam, grenzt wahrlich ans Fantastische!
Man bekam plötzlich, in einer späten Nacht, die Anordnung, alle österreichischen Altersheime schnurstracks zu stürmen, die Insassen ohne Rücksicht auf deren Alter oder Krankheit heraus zu hetzen und vor dem nächsten Bahnhof zusammen zu treiben, wo bereits die dampfenden Lokomotiven mit den angehängten Viehwaggons warteten. Das Innere der Waggons war spärlich mit Heu ausgefüllt und die Alten wurden sogleich – das alles musste innerhalb weniger Minuten über die Bühne laufen – in die Viehwaggons hinengepfercht.
Ein alter Mann fragte einen Elitesoldaten schüchtern, wohin er und seine alten Altersheim-Freunde gebracht werden. Der Greis wurde daraufhin wieder aus dem Viehwaggon gezerrt und verprügelt. Man trat auf den wehrlosen Alten ein, bis sein Gesicht zu einer schmerzverzerrten Mimik zusammenfror. Er war tot. Die anderen Alten in den Viehwaggons, die dabei zusehen mussten, schreckten zurück und begannen zu weinen. Nach einem kurzen, wütenden Schrei des militärischen Einsatzleiters war aber wieder sofortige Ruhe in den Viehwaggons eingekehrt. Dann fuhr man los. Mein Patient war mit dabei, aber nicht in den Waggons bei den Alten, die die gesamte Fahrt dicht aneinander gedrängt in den Waggons stehend verbringen mussten, sondern in einem überaus bequemen Sitzabteil.
Man fuhr Bahn. Die Bahn fuhr wie eine lustlose, alte Schlange durch die Gebiete und hustete ihre schwarze Luft in die Welt hinein. Durch die Lüftungsluken bettelten knittrige und welke Hände nach flüssiger Nahrung. Ein paar Soldaten tauchten blitzschnell auf der Bildfläche auf und schlugen unter heftigem Gebrülle mit ihren Knüppeln und Maschinengewehren gegen diese Körperteile, die jammernd aus den Luken hervortraten. „Flüssige Nahrung, flüssige Nahrung, bitte flüssige Nahrung“.
Als man nach gut zwei Tagen Fahrt am Ziel ankam, öffnete der Stab der Elite erstmals seit der Abreise die Schiebetüren der Viehwaggons. Das Betteln nach Wasser wurde immer intensiver. „Wasser, Wasser“, galt die Forderung. Wo man schließlich ankam, in einem gottverlassenen Ort irgendwo in Polen, da spricht aber niemand Deutsch, außer die Elite, die sich aber nicht um die Anliegen der Alten zu kümmern hatte. „Ich kann Ihnen ein Beschwerdeformular bringen, das füllen Sie dann aus“, lachte ein Soldat mit Glatze und machte sich über die nach Wasser lechzenden, ausgetrockneten Gesichter lustig.
Der Zug hielt in einer breiten Lichtung, rundherum nur Wald. Es war gerade Sonnenuntergang und die letzten Strahlen schnitten sich tief durch die Lüftungslucken in die zahllosen Furchen der verbrauchten Greise. Es roch nach verbrannten Giraffen, Orang Utans, Schimpansen – Affen aller Art – und inmitten der Lichtung stand ein riesengroßes Zelt. Als die Alten ausstiegen – einige waren während der Fahrt umgekommen und purzelten in der Todesstarre wie harte Steinblöcke aus den Waggons gegen den erdigen Boden – gaben sie sich sehr überrascht über das Zelt.
Dann fiel urplötzlich ein Schuss. Verängstigtes Oma- und Opageschrei hallte durch den Wald. Eine Greisin, die an den Rollstuhl gefesselt war, versuchte zu fliehen und wurde dabei in den Hinterkopf geschossen. „Flucht wird nur das Leben kosten“, erkannte die alte, geschockte Menge darauf.
Und wieder musste alles irrsinnig schnell gehen. Die Alten wurden in Gruppen aufgeteilt – je nachdem wie krank und verletzt sie aussahen – und mussten danach wie eine Kolonne von entwaffneten Kriegsgefangenen unter lautem Schäferhundgebell in das Zelt hineinmarschieren. Sie wurden von den Rüppeln der Elite hineingedrängt, ja hineingetrieben und jene, die sich trauten sich zur Wehr zu setzen, wurden erschlagen oder erschossen. Eine alte, sehr müde, ebenfalls an den Rollstuhl gefesselte Frau konnte sich aus Erschöpfung nicht weiter schieben. Darum wurde sie aus dem Rollstuhl geworfen und von den anderen recht erbarmungslos niedergetrampelt. Ein altes Ehepaar fluchte auf die Soldaten des Bundesheeres. Erschossen. Ein alter, entkräfteter Greis am Gehstock musste sich übergeben. Erschossen. „Ihr alten, blöden Esel“, brüllte der Kommandant in das Gedrängel hinein, „seid ja nichts als nutzloses Fleisch.“ Eine alte Frau zeigte sich in ihrer geistigen Verwirrung amüsiert und bedankte sich im Vorübergehen beim Kommandanten. Erschossen.
Als die Alten aber in einer tiefen Betrübtheit alle im Zelt angekommen waren, staunte man nicht schlecht über die vielen Lichter, den edlen Geruch nach Holz und Wein, das saubere Ambiente im Inneren des nach außen hin so schäbigen Zeltes. Alte Herren und Damen erlitten sogleich einer nach dem anderen Nervenzusammenbrüche, Schreikrämpfe oder Gesichter einer unbeschreiblichen Bestürzung. Einige glaubten zu träumen oder zu halluzinieren und versicherten sich bei ihren Altersheimkollegen, ob sie denn das gleiche sehen. Denn es war im Inneren dieses schäbigen Zeltes nichts geringeres als das ORF-Studio des quartalsmäßig stattfindenden Musikantenstadls!
Fürwahr, diese Geschichte ist nur allzu verrückt. Denn wer würde wirklich glauben, dass das österreichische Fernsehen allen ernstes alte Menschen, Gebrechliche und Kranke für diese kulturelle Regression in Reinform zur Funktion der Publikumskulisse missbrauchen würde? Richtig, die Altersheimer wurden hierher verschleppt, um für die Aufzeichnung des neuen Musikantenstadls das Publikum zu stellen. Offenbar darum, weil die Nachfrage dafür im Volk zu gering war.
Die Elitesoldaten bekamen nun blaue Anzüge, blaue Tarnfarbe und blau lackierte Waffen. Und sogar blaue Ohrstöpsel. Und wieso das alles ausgerechnet blau war, werde ich noch erklären. Indes mussten sich die Altersheimer kleine Schnittwunden zufügen, um ihre Wangen mit ihrem eigenen Blut einzuschmieren, denn rote Bäckchen würden einen gesünderen Eindruck machen. Niemand von der fernsehenden Nation dürfe bei der Ausstrahlung dieses Musikevents nämlich Verdacht schöpfen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehe.
Die noch halbwegs gesund aussehenden Greise mussten nun die Plätze in den ersten Reihen füllen, die verblassten und gebrochenen Seelen bekamen die hinteren Sitzplätze der Tribüne zugewiesen. Als ein jeder auf seinem Sitzplatz saß, schwank eine Kamera, die auf einem Kamerakran installiert war, über dieses Publikum. Resignierte Gesichter, gekrümmte Körper und traurige Augen leuchteten gegen das Bild und das alles sah natürlich recht trostlos aus. Die Soldaten bekamen daraufhin die Anweisung der Regie, das Publikum zurecht stutzen. Der Regisseur soll dem Einsatzleiter zugefunkt haben: „Die Fernsehzuseher wollen keine Kreaturen gesendet bekommen, sondern Spaß, Unterhaltung, Kurzweile. Also Bringt sie zum Lachen! Sofort!“
Nun, da die Kameras für den Bildcheck bereits liefen, traten die Soldaten in Blau auf. Blau darum, weil diese Farbe von den Videomischpulten anhand des Bluebox-Effekts durch andere Bilder ersetzt werden können. Das Bild wird damit vor dem Erscheinen der Soldaten angehalten und über das aktuelle Bild gelegt, in dem die Soldaten bereits längst für Schunkelstimmung und Applaus im Publikum sorgen. Nun. Die Elitesoldaten hielten ihre Waffenläufe gegen die Schläfen der Alten und gaben ihnen den Befehl zu lachen. Man versuchte zu lachen. Und weil der Elite das Lachen zuerst nicht ehrlich genug klang, zog man einen alten, dicken Mann von etwa neunzig Jahren aus dem Publikum und stellte Ihn auf die Bühne. Zwei Soldaten richteten ihr Gewehr auf ihn. Der Mann sah verängstigt aus, denn er wußte wohl, was ihm bevorstünde.
Die Greise im Publikum bekamen nun erneut das Zeichen zum Lachen. „Lacht, ihr Kreaturen!“
Und erst klang das Lachen verhalten, doch bald wurde es lauter. Nun wurde der Alte auf der Bühne vor aller Augen hingerichtet. Kurz unterbrach das Lachen. Doch als man schon den Nächsten auf die Bühne holte, wurde das Lachen wieder lauter und energischer. Die Alten mussten so um ihr Leben lachen. Es benötigte insgesamt sechs hingerichtete Greise, bis das Lachen des Publikums durch die Hinrichtungen auf der Bühne nicht mehr abgebrochen wurde.
Diejenigen, die währenddessen wieder Nervenzusammenbrüche erlitten, wurden vor das Zelt geführt, mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt. Eine Frau bettelte wie verrückt um ihr Leben. Sie wollte noch nicht sterben, und schon gar nicht durch Verbrennungen, weinte sie. „Wir haben ja genügend Exemplare von euch“, hat einer der Soldaten darauf kalt gemeint, „dass es auf einen mehr oder weniger gar nicht mehr ankommt. Und jetzt tschüss.“ Dann ging ein Licht auf und es roch zuerst nach gebratenem, dann nach verbranntem Fleisch.
Drinnen war indes Andy Borg, der Moderator des Stadls, unter tosendem Jubel des Publikums auf die Bühne getreten und moderierte die drei Stunden dauernde Sendung. Die Illusion war perfekt. Auf die Witze Andy Borgs und seiner Gäste wurde mit Applaus und Lachen reagiert und die Musikkapellen wurden mit Schunkeln und Klatschen begleitet. Alles mit dem Waffenlauf an der Schläfe des Zusehers im Studio.
Während der Aufzeichnung der Sendung waren nur noch einige Gebrochene vor das Zelt geführt worden, wo sie sogleich verbrannt wurden.
Wieso man sie nicht erschoss? Schüsse würden sich bloß negativ auf die Tonaufzeichnung drinnen auswirken, hatte der Kommandant der Elite gesagt. Von alldem bekam man als Zuseher der Fernsehübertragung also natürlich nichts mit, zumal die Ausstrahlung gar nicht live war, sondern man im Falle des Falles bei der Postproduktion des Videomaterials nachhelfen konnte, um ein ästhetisches Bild des Stadls zu gewährleisten.
Eine bereits sehr betagte Frau versuchte während der Aufzeichnung des öfteren, ihr Hörgerät aus ihren Ohren zu nehmen, um zumindest die akustische Folter des Musikantenstadls umgehen zu können. Dies beobachtete man von seiten der Elitesoldaten eine ganze Weile und man amüsierte sich köstlich darüber. Ein Soldat vermutete, die Greisin wolle wohl nichts mehr mitbekommen vom Leben, anders könnte er sich ihr Benehmen nicht erklären. Die Soldaten freilich hatten schon seit Beginn der Sendung ihren Hörschutz verwendet und nahmen diesen nur ab, wenn es etwas zu besprechen galt oder Anweisungen von oben kamen. Ein paar Soldaten widmeten sich daraufhin belustigt der Frau, indem sie nicht nur ihre Ohren angriffen, sondern sie auch blind schlugen. Darauf wurde sie wie ein Vieh mit blutenden Augen und Ohren nach außen getrieben, wo schon der Benzinkanister und das Feuerzeug auf sie warteten. Sie musste sich selbst mit Benzin übergießen und dann eine Zigarette rauchen, die ihr ein Elitesoldat freundlich zusteckte. Ihre letzte Zigarette. Als im Inneren des Zeltes die Lustigen Herzburschen, die Fidelen Welthaberer und das Kommando Schlagermusik das vorgesehene Programm endlich beendeten, klatschten und pfiffen die Alten, manche sind während der Vorstellung an Hunger oder Schwäche gestorben oder weil sie ihre Medizin nicht bekamen. Niemand rief nach einer Zugabe. Das erzürnte die Regie.
Andy Borg und Gäste verließen darum flott die Bühne und das Zelt, die Kameras wurden hastig abgebaut und nach draußen gebracht und auch die Elitesoldaten rannten eilig aus dem Zelt, denn sie alle wussten ganz genau, was nun als nächstes am Programm stand. Ganz im Gegensatz zu den Alten, die noch immer auf den Tribünen saßen und sich verwundert fragten, was wohl als nächstes käme.
Da ging auch schon ein heißer Feuerschwarm durch die Lichtung, der nun das abgesperrte Zelt samt seiner Insassen in ein lohendes Feuer steckte. Von drinnen hörte man bald ein abartiges Geschrei, wie man es sich von Menschen nicht erwarten mag. Es klang so, als wäre eine unüberschaubar große Affenherde in Aufruhr geraten und als würden sich diese Affen aus irgend einem Grund gegenseitig zerfleischen. Das Verbrennen der etwa achttausend Greise gab eine perverse Symphonie aus Knacken, Knistern, Lodern und unbändigen Schreien nach Hilfe.
Das Feuer erhellte die dunkle Nacht so stark, dass man es sogar hätte erkennen können, wenn man vom Mond heruntergeschaut hätte. Vom Vollmond, der diese Nacht in einem ebenso fantastischen Licht schien wie die Geschichte meines Patienten.
Während der Heimreise nach Österreich habe er schließlich zu fiebern und zu fantasieren begonnen, was als Reaktion eines traumatischen Erlebnisses gewertet werden kann. Sein Vorgesetzter nannte ihn daraufhin ein Weichei. Weicheier braucht man nicht im Bundesheer, und schon gar keine zartbesaiteten Psychos wie ihn! Mein Patient erzählte mir überdies, seine eigenen Großeltern, die Zieglers, wären im zuge dessen umgekommen. Er habe nachgeprüft, ob auch sie – die seit knapp zwei Jahren in einem Altersheim in Kärnten lebten – abgeholt und umgebracht wurden. Ja ist dabei heraus gekommen. Sie sind in dieser Nacht-und-Nebel-Aktion ebenso umgekommen wie mehr als achttausend andere Greise, Kranke und Behinderte.
Mein Nachmittagsschlaf heute hat mir einen Geistesblitz beschert. Mein Patient heißt Ziegler. Und Ziegler hieß auch mein allererster Freund aus Kindertagen. Alfons Ziegler. Ziegler. Der Freund, der mich kinderkrankenhausreif prügelte und mir wie ein gemeiner Wüstling massenweise Erde in den Mund stopfte und mich demütigte und mich zu dem machte, was ich heute bin. Ja, und ab diesem Punkt übersteigt diese Geschichte auch meine Vorstellungskraft. Denn mein Patient, und darum bereitet er mir solche Schwierigkeiten, solche Schwierigkeiten mit einer so sonderbar absurden Tendenz, Herr Ziegler ist beileibe niemand geringerer als mein Peiniger aus Kindertagen.
Ein wenig benommen bin ich zugegebenermaßen. Die Welt ist immer für Überraschungen gut, wie das Leben so spielt und das Essen dürfte ja nicht immer so gut schmecken, wenn man wüsste, wie es zubereitet wird. Das Fleisch der Tiere sieht am Teller so wunderbar aus. Der Schlachthof ist ein verhasster Ort für zivilisierte Menschen, denn das hat bekannterweise mit einer schrecklichen Tierquälerei zu tun. Alfons Ziegler. Alfons.
Wie möchte ich morgen wohl reagieren, wenn er wieder meine Ordination betritt? Ich habe mich auf alles gefasst gemacht. Er scheint in seinem traumatisierten Zustand nicht bemerkt zu haben, dass ich es bin, die er da vor sich hat. Darum wird er es bis Morgen auch nicht bemerken. Und morgen wird er zum zweiten Sprechtermin erscheinen und ich werde ihn begrüßen, ihm einen bequemen Sessel anbieten, hinter ihm die Türe verschließen, ihm eine Spritze mit einer langen Nadel in den Hals stoßen, von der er für kurze Zeit seine Beherrschung verliert und ihn dann an seinem Stuhl festbinden.
Und dann, wenn er aufwacht und wieder bei Bewusstsein ist, werde ich ihm Erde in seinen Mund schaufeln und ihn zwingen, alles runter zu schlucken. Und wir werden wieder von vorne anfangen. Er wird bestimmt viel Blut verlieren. Und vielleicht auch ein Auge. Oder seine Nase oder seine Zunge oder was weiß ich was. Man bekommt ja so viel geboten heutzutage!
Dann können wir zusammen Urlaub machen. Vielleicht in Kroatien. Schwimmen gehen und das Leben genießen! Ich bin froh, ihn wieder gefunden zu haben. Nie konnte ich ihn vergessen.
Ich liebe ihn noch immer. Und bald wird er genau so kaputt sein wie ich!
danijel jamrič
Die fabelhafte Geschichte des Andy Ensslin
Heute ist mein Geburtstag. Heute beginnt ein neues Leben: meine kärntnerblonde Schmalztollenperücke; neue, chice Kleiderbauerpelzkleidung; ein dunkelbrauner Nylon-Henriquatre; mein neuer Pass, ja; und dann ist da noch der Impfschein! Mein Name ist Andy Ensslin, geboren 1985 in Hanga Roa, ich bin Vater von 3 Kindern. Wohnhaft in Hermagor. Kärnten. Seit Jahren schon. Meinem Engagement als Ghostwriter des bekanntlich nicht-existenten Anwaltes des kleinen Mannes – Franz Weinpolter – musste ich unlängst, notgedrungen, den Rücken kehren. Andy Ensslin, mein Name, der ist Andy Ensslin. Ich bin ein Aussteiger. Ein Aussteiger aus dem dichandschen Kronenimperiums.
Weil mich der dichande Hans letzte Woche um halb vier morgens aus dem Bett sturmläutete, mit einer Krone auf seinem Kopf und mir die Pistole langsam in die Kehle schob und hektisch rumkrächzte: ich solle ihm jetzt endlich wieder Briefe schreiben, der letzte ist schon drei Tage her, die Leute sitzen bereits auf glühenden Kohlen, sie verlangen nach ihrem Sprachrohr, ihren Anwalt, ohne Franz Weinpolter fühlen sich drei Millionen Menschen in Österreich unterrepräsentiert, blarg blarg, alles das und noch viel mehr brüllt mir der herausgebende Greis in meine Gehörgänge hinein und entsichert sein grausiges Schießgewehr.
Schieß doch, Hans, schieß nur! Traust dich eh nicht! Kein andrer kann Weinpolter imitieren, niemand kann mehr auf den fahrenden Zug des weinpolterschen Maskenballes aufspringen, er ist schon zu weit voraus, Hans, haha! Ich bin Weinpolter und niemand ist für ein geistiges Erbe eines solchen Ausmaßes geschaffen und das weißt du genau, du alter Fratz!
Na gut, das werden wir ja sehen; morgen kommt er wieder, versicherte mir der dichande daraufhin, doch dann kommt er nicht mehr alleine, sondern ausgerüstet mit Michael Jeannee, Wolf Martin und dem überaus erhabenen Telemax würde er mir schon beibringen, wer hier wen beherrscht, fauchte er mich an und verschwand in einer Schwade schwarzen, stickigen Nebels und dumpfest grohlenden Donners. Getötet hätte er mich nicht, der Hans. Da kenn ich ihn ja viel zu gut für. Frisst ja lieber seine eigene Hand, als zu verhungern, der alte Narr!
Doch was mich daraufhin beschäftigte, nach dieser typischen Nacht-und-Nebel-Aktion, das war, das war jetzt viel größer geworden! Musste ich tatsächlich um mein Leben fürchten? Weil man liest ja immer wieder, gerade in der Krone, einfach überall von Menschen, die andere Menschen in ihren Kellers einsperren und nicht mehr, nie mehr an die Sonne da raus lassen. Zweckgefangenschaften, man hört ja immer wieder von Zweckgefangenschaften! Dass das der Fall ist, dass er einen in seinem Keller versteckt hält, sieht man dem Kidnapper in seiner Freizeit natürlich nicht an. Er lacht und singt wie eh und je, im Taumel des Weines als auch im Besonnenen, zuhause mit der Frau. Und in der Kirche erst! Doch trotzdem lenkt ihn die Furcht ab diesem Tage. Also nein! Das kann nicht meiner Seele kraft des Atmens verleihen, womöglich im Keller des dichanden den Rest seines Lebens Leserbriefe der Marke Weinpolter, maßgeschneidert, zu fertigen und dann leibeigen unter dem Eichenschreibtisch zu verhungern! Ich wollte den Franz echt weghauen! Ich wollte nicht mehr! Und da wäre die Chance, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die schreiende Verzweiflung aus meinen Briefen im freien Wort herausklären würde einfach zu gering, als dass ich es mir überhaupt vorzustellen vermochte. Dafür wäre Weinpolter zu perfekt. Und da wurde mir klar: keine Sekunde länger will ich die haftbare Person hinter der Mär Weinpolter sein. Franz Weinpolter muss tot sein, schrie ich im Wahn des Teufels, der mir schwarze Tränen in die Augen rieb, Franz Weinpolter muss sterben!
Also war ich eins mit meinem Vorsatz: ich konnte dies nicht weiterführen, dies Amt – denn zu gefährlich, zu heiß wurde es mir im Ofen; die abenteuerliche Lust zur Suche nach der Existenz des Weinpolters hat ohnehin schon zu viele Menschen in ihren Bann des Wahns gezogen. Niemand hat ihn bis heute gefunden; ich meine, wie denn auch? Doch wie lange noch und sie würden es wissen, dass es keinen Franz Weinpolter gibt, nie gegeben hat! Weil am verrücktesten machten mich die Täterprofile! Denn war ich längere Zeit allein zuhause und verfasste Schriften für das freie Wort, lese ich am selben Abend, dass Franz Weinpolter ein ruhiger, zurückgezogener Mensch ist. Wenn ich dann aber mal raus fahr, mit meinem Auto, und alte Menschen zum Einkauf mitnehme und ihnen beim einpacken helfe, steht da überall: Franz Weinpolter, der hilfsbereite, aufgeschlossene und kontaktfreudige Mann! Das kann einen wirklich vor das offene Tor des Wahnsinns stellen! Ich meine, so etwas rauft! Und dann diese bedrückende Wissenheit, die kriegen mich, die kriegen den Franz, die raubte mir jede Sekunde meiner Nachtruhe. Ich, Andy Ensslin, beschloss darum, dem Einhalt zu gebieten – tu dir selbst einen gefallen, flüsterte mein Inneres – und riet mir, Gras über diese Causa wachsen lassen zu lassen. Wenigstens für ein paar Jahre musste ich vor dem schreckensherrschenden dichanden und seinen Aposteln flüchten.
Neue Papiere, neue Kleidung, Perücke und ein dunkelbrauner Nylonbart fanden neues Leben an mir. Und ich an ihnen. Heute ist mein Geburtstag. Heute kann mein neues Leben beginnen! Andy Ensslin! Jetzt sitze ich am Strand und beobachte die Gail, wie sie so ignorant an mir vorbeifließt, weil sie mich nicht wiedererkennt. Ich fingere an meinem dunkelbraunen Nylon-Henriquatre und forme die Lippen zu einem A, zu einem O – das Kratzen sieht sehr authentisch aus, ich habe es zuhause vor dem Spiegel geübt. Und mit der Krone am Schoß! Also, Schock! Denn was ich hier sehe, während ich das freie Wort konsumiere… ich kann es nicht glauben! Denn ich, Andy Ensslin, der ich beschloss, Franz Weinpolter, den Anwalt des kleinen Mannes seines Amtes zu entheben; ich, der ich als einzige Kreatur dieser Welt die Macht hatte, der Puppe Weinpolter Leben einzuhauchen – ich kleiner Gott – und sie aus den Trümmern der Nachkriegsunordnung zu entgraben und sie zu pflegen, zu nähren und ihr Augen, Mund und Züngelchen zu geben; ich, der ich gewissermaßen Franz Weinpolter war! Muss hier nun mit ansehen, wie mein Franz mir gestohlen wird und nun seine ihm von mir geschenkten Tage selbst in einem Kellerverlies fristen muss um jämmerliche Briefe zu schreiben! Man hat mir meinen Franz, der mir im Laufe der Jahre schon so etwas geworden war wie ein Sohn, entführt, misshandelt und ihm Worte in den Mund gelegt, die jeglicher Erläuterungen entbehren!
Ich kann seine Verzweiflung darob, seinen Wahn herauslesen aus dem Brief, der heute, in der heutigen Ausgabe der Krone, den Platz einnimmt unter anderen, dreckigen, ungepflegten und besoffenen Leserbriefen. Nun, was les ich da vom Franz, man darf Schwarze nicht mehr Neger nennen, da regt er sich auf! Aber ich bin mir sicher, das ist der Hans, nicht der Franz, das bin ich nicht, so etwas Derartiges würde nie meine Feder verlassen, mein Kopf schreit, der Hans hat mir den Franz gestohlen um ihn wie eine Marionette vor dem Kindertheater aufzuziehen! Denn daran hatte ich natürlich nicht gedacht. Da hat mir der dichande nämlich ein Schnippchen geschlagen, der Halunke! Mit meinen eigenen Waffen hat er mich herausgefordert, der alte Krieger! Ich Tölpel, ich Tor! Verschmoren soll ich dafür, in der Hölle soll ich dafür dreizehn Ewigkeiten lang Asche fressen, diesem alten dichanden Greis unterlegen zu sein! Jetzt zieht er die Fäden des Franz und ich kann nicht zurück, ohne um mein Leben, ohne mich vor den schrecklichen Peitschenhieben des Telemax zu Tode fürchten zu müssen! Den Franz hab ich ja schon verloren und dann muss es nicht auch noch mein eigenes Gesicht sein! Ich muss mich den Umständen fügen, ja das ist das was ich jetzt lernen muss, und diese Umstände, die flüstern mir in meine Gehörgänge, dass es Zeit ist, mich gegenüber dem alten Kronenkrieger mit dem letzten Quantum Stolz, das in mir weilt, geschlagen zu geben. Ich bin dann oft schweißgebadet aufgewacht, nachts, und dann ist mir in den Sinn gekommen: als einzelner ist man der Macht des Systems ausgeliefert! Die Puppe Weinpolter hat einen neuen Vater und damit muss ich mich abfinden! Ich war dem strategischen Perfektionismus des dichanden in absolut jeder Hinsicht untertan. Schon immer! Und daran wird sich nie etwas ändern, flüstert man mir! Ich bin ein Opfer des dichandschen Kronenimperiums! Eines von vielen! Eines von knapp drei Millionen in Österreich! Das ist eben eine Erkenntnis, die einem nicht unbedingt das Christkind unter den Weihnachtsbaum legt. Man trinkt dann oft und… findet kurz Ablenkung. Dass man ein gefallener Soldat ist, der den Kampf gegen das System und die Macht der Boulevardjournalismus-Mafia verloren hat, dessen ist man sich dann gar nicht mehr wirklich bewusst und dass man seinen eigenen Sprössling im Sand erstickt hat, diese Tatsache schmerzt dann nicht mehr solche Schluchten in einen hinein. Durch die Krone habe ich gelernt, los zu lassen. Los zu lassen und frei zu sein! Los lassen und frei sein! Und dann bleibt da noch der Gedanke, und das Wissen bleibt, dass er – mein kleiner Franz – ja zumindest weiterlebt. Franz Weinpolter lebt!
Mein Name ist Andy Ensslin, geboren 1985 in Hanga Roa, Vater von 3 Kindern, gefallener Soldat. Heute ist mein Geburtstag. Heute beginnt mein neues Leben! Franz Weinpolter lebt! Ich, Aussteiger!
danijel jamrič
i kaxi unti prunzion
i erplixi unti fixi /i sixi unti betrüxi / i brinxi zan plern / i brinxi zan tamischwern // i fixi duachi fixi hintam baom / i kozi unti kaxion / i schloxi duachi schloxi zom / i kaxi unti prunzion // i poxi leifest bei dezotn / kagnad mit sane falotn // i zasi ivade autobon / unt firsi mim traktazom / untamizi a nochnochn tod / karuanit hom / i kaxi unti prunzion // de natur iso schen / nixis umeglim lem / drum daschloxza irde polyzei / don samba endli ole frei
danijel jamrič
ich habe heute erfahren
ich habe heute erfahren / ich hätte nur noch etwa siebzig jahre zu leben / zugegebenermaßen war ich geschockt von der diagnose / wollte sie nicht wahrhaben / wurde zuerst wütend / traurig / aber anstatt durchzudrehen / blieb ich schlussendlich bei verstand // und sofort schoss mir die frage durch den kopf / was ich in dieser kurzen zeit / die mir noch zur verfügung steht / wohl anfangen sollte // ich kann nun die verrücktesten sachen machen / ohne noch rücksicht nehmen zu müssen / auf dinge / die euch so verdammt wichtig sind / ich werde mir die freiheit nehmen / weit raus zu gehen und / ich selbst zu sein und nicht mehr der von vorhin // ich werde euch nichts wissen lassen / von meinem schicksal / denn ansonst wär das nicht gerecht / gegenüber euch und auch mir selbst // ich werde berge küssen / wiesen umarmen / bäume atmen / meere lieben // und wenn schließlich meine zeit gekommen sein wird / werde ich / noch ein letztes mal / in den wolkenlosen himmel sehen
danijel jamrič
österreich oder ein mädchen
etwas rot etwas weiß etwas rot von der seite steht hier bin ich mensch hier darf ich blüh’n in deinem blauen himmelauge dir zum geleite wär nicht deine not nun mein verbot mit dem falkenauge in der hand bis auf das blut das etwas rot etwas weiß etwas rot auf der ersten seite steht hier bin ich mensch hier darf ich blüh’n in deinem blauen himmelauge dir zum geleite wär nicht deine not nun mein verbot mit dem falkenauge in der hand bis auf das blut das etwas rot etwas weiß etwas rot von der seite steht hier bin ich mensch hier darf ich blüh’n in deinem blauen himmelauge dir zum geleite wär nicht deine not nun mein verbot mit dem falkenauge in der hand bis auf das blut das etwas rot etwas weiß etwas rot auf der ersten seite steht hier bin ich mensch hier darf ich blüh’n in deinem blauen himmelauge dir zum geleite wär nicht deine not nun mein verbot mit dem falkenauge in der hand bis auf den letzten tropfen blut etwas rot etwas weiß etwas rot.
danijel jamrič
Das Urteil – eine Familienkomödie
Fernab der Stadt hat die Oma ihr großes Haus, in dem sie schon seit gut fünf Jahren alleine lebt. Ihr alter Hermann ist damals gestorben, weil er HIV positiv war. Und HIV positiv war er, weil er viel gereist ist und dazu auch noch ein Lebemann war. Die kleine Maria mag es nicht besonders, wenn sie die Zeit nach Weihnachten bis zum Neujahr bei ihrer Oma verbringen muss. Kaum haben die Eltern die kleine Maria hier abgesetzt, sich verabschiedet, die Maria spielt mit ihren Haaren herum und kramt noch gedankenversunken in der Tasche ihrer Mutter herum, bis diese mit dem Vater nach draußen zum Auto geht, um zum alljährlichen Schiurlaub aufzubrechen. Die Oma ruft Ihnen belustigt ein lautes „Ski Heil“ nach, kichert ein letztes Mal vergnüglich in sich selbst hinein, dann fällt die Türe ins Schloss und Großmutters Augen verfinstern sich augenblicklich, genau so wie der Raum, der sie und ihre absonderlichen Gedanken einkesselt und bedroht, seit ihr Hermann fort ist. Ihr ansonst so idyllisches Großmuttergesicht verwandelt sich dann sofort in das einer gnadenlos bösen Hexe. Draußen torkeln kleine Schneeflocken durch die kalte Luft wie betrunkene Männer.
Dann drängelt die Oma ihre kleine Enkelin schon unwillkommen über eine ausgemagerte Stiege nach unten. Das ist der Keller, und Maria fürchtet sich vor Kellern, und zwar katastrophal. Und die Großmutter weiß das ganz genau. Und da unten steht ein großer Tisch. Der ist randvoll gedeckt mit Dingen, die die kleine Maria erschaudern lassen. Da sind ganze Hexenkessel voll mit patzigem Blut, Schüsseln mit rohem Fleisch und Kübel mit Schweineherzen und Kalbshirnen und eingelegten Tierkadavern, ein Tablet mit toten, ungerupften Hennen, geschmückt in einem Kreis aus Eiern, Kalbszungen und gar menschliche Schrumpfköpfe verzieren das Willkommensmahl, das diese liebe Großmutter für Maria vorbereitet hat. Und überall qualmt und raucht es heraus aus den Töpfen und das alles stinkt ganz fürchterlich.
„Du musst mich ja viel öfter besuchen kommen, dann können wir auch viel öfter zusammen essen“, flüstert die Oma der kleinen Maria schelmisch ins Ohr, offenbar nicht wissend, dass es der Maria jetzt eher zu kotzen zumute ist. Die Oma kichert indes wie eine verblödete Närrin. „Ich liebe das Essen“, lallt es aus ihrem grausigen Mund. „Setz dich, Schätzchen, so setz dich doch. Ich selbst habe keinen Hunger. Setz dich. Ich selbst habe heute schon eine Kleinigkeit gegessen. Es war nicht viel, aber ich bin satt geworden.“ Ihre Stimme klingt plötzlich so rauh und heiser, so wahnsinnig unvertraut.
Und Maria ist nun wahrlich ein geplagtes Mädchen. Sie ist ja gerade erst neun Jahre alt geworden und ohnehin sehr schüchtern. Darum hat sie ihren Eltern auch dieses Mal nichts von Omas Art erzählt, weil sich die beiden ja schon so sehr auf ihren Schiurlaub freuten. Man kann ja nicht immer die Freude anderer verderben. Man muss sich auch ein wenig fügen den anderen zuliebe. Und überhaupt hätte eine Intervention nichts genützt, die Mutter ist ja ein sehr gleichgültiger und harter Mensch und ihren Vater, der ja eigentlich nur ihr Stiefvater ist – tja, mit dem würde sie nun gerade am liebsten tauschen, denn eigentlich konnte sie ihn noch nie so richtig leiden. Dieser Mann will sie und ihre Mutter nämlich nur ausnutzen, emotional.
„Und die Oma wird schon immer nervöser, weil sie sich von mir erwartet dass ich mich zu Tisch setze und diesen ekelhaften Fraß verschlinge, wie sie es von sich selbst gewohnt ist“, denkt sich die kleine Maria. Abneigung. Übelkeit. Macht sich breit. Dieses erste Mal nun liegt Maria mehr an ihrem eigenen Wohlergehen als an der Zufriedenstellung der Anforderungen anderer. Sie fasst all ihren Mut zusammen. Sie steht aus ihrem kleinen Sessel auf mit ihrem Körper und mit ihm steigt auch ihre Tapferkeit empor und das alles schaut aus wie ein kleiner, süßer Sonnenaufgang: „Oma, du hörst mir jetzt bitte genau zu. Es sieht folgendermaßen aus. Du und deine Art, weißt du, ihr beide geht mir wirklich ausgesprochen auf den Keks. Ich würde jetzt gerne diesen Raum und das Haus da verlassen und zurück zu Mama.“ Der Sonnenaufgang. Das ist der Anbruch des Tages. Die Sonne geht auf – und die Oma geht unter.
Also wirklich. In diesem kurzen Moment, der ja so winzig klein ist, das man ihn nicht einmal durch das beste Mikroskop der Welt sehen könnte, scheinen nun gerade tausend große und prallvoll gefüllte Müllcontainer gepresst worden zu sein. Das heißt richtige Ladung. Die Oma ist zutiefst erstaunt und erschüttert und zittert. Am ganzen Körper zittert sie und ihre Zähne, die klappern ganz schrecklich, und zwar aus Wut. Das ist alles Wut. „Doch bevor jetzt wertvolle Zeit verloren geht“, denkt sich die Oma sogleich, denn die kleine Maria ist nun gerade im Begriff, selbstbestimmt auf die Stiegen nach oben zu zu steuern, „muss etwas passieren. Es muss etwas getan werden. Maßnahmen. Sofort. Das Mahl! Maria muss das jetzt alles aufessen!“
Jetzt herrscht hier eine wirklich stinksaure, vergiftete Athmosphäre. Die Großmutter nähert sich langsam ihrer Enkelin, die jetzt kurz vor den Stiegen halt gemacht hat und plötzlich schlägt ein kurzer, dumpfer Schmerz mit einem blechernen Riesenkrach auf den kleinen Schädel des Mädchens ein. Und währenddessen dürfen andere Kinder Schlitten fahren im neuen Schnee, der gerade so besoffen aus dem Himmel herunterpurzelt. Die Wintertage sind kurz.
Als Maria allmählich wieder zu Bewusstsein kommt, ist einige Zeit vergangen. Minuten, Stunden. Bewegen kann sie sich nicht, weil sie an den Sessel gefesselt ist und vor dem ekelhaft gedeckten Tisch sitzt. Das alles stinkt ganz schrecklich verrottet und verfault. Die Oma sitzt neben ihr und hält einen großen Löffel in der Hand. Es ist aber eher eine kleine Schaufel. Mit dieser Schaufel fährt sie in einen der Kessel hinein und fischt einen Patzen blutigen Inhalts heraus, den sie nun vor Marias Mund hält. „Aufmachen“, befiehlt die Oma dem Mund ihrer Enkelin. Als das Fleisch auf Marias Zunge liegt und die ersten Geschmackssensoren darauf ansprechen, wird ihr augenblicklich speiübel. Richtig speiübel wird ihr von diesem patzigen, fettigen Tierkadaver in ihrem Mund. Der Körper wehrt sich, diesen verwesten Tierleichnam anzunehmen. Er will diese Gabe nicht. Der Oma ist es einerlei, dass Maria sich mittlerweile an ihrer eigenen Speibe verschluckt hat und wie besessen hustet, sie steckt nun ihre Hand in den Kessel und nimmt eine Faust voll des undefinierbaren rot-braun-rosarot verrotteten Inhaltes heraus, weil sie würde es nun am liebsten in Marias kleinen Mädchenkörper hineinprügeln. Sie hört die Stimme ihres Stiefvaters: „Dein kleiner Mädchenkörper ist so einzigartig schön, Maria“ Und da, „zum Teufel mit der Welt“, denkt sich die Oma in ihrem verwirrten Kopf, denn urplötzlich schellt die Türglocke durch den Kopf der Oma. Wer kann das sein? Die Maria schreit nach Hilfe, „Hilfe, Hilfe!“ Die Großmutter versetzt Maria einen Schlag, „sei ruhig!“ Dann geht sie zur Tür hinauf und öffnet. Die Oma ist verzweifelt. Niemand mag verstehen, dass ihre Liebe durch den Magen geht.
Es ist die Mutter. Und der Stiefvater. Oh Schreck. Die Mutter hat etwas hier vergessen, ihre Tasche. Wo ist die bloß? Die kleine Maria versucht ihre Mutter zu erreichen und stampft mit den Füßen auf den Boden. Die Mutter erschrickt: „Mutter, was ist das? Wo ist Maria?“ Unten im Keller ist sie und mimt den Spielverderber, wollte die Oma schon antworten. „Sie spielt.“ Das Klopfen der Füße im Keller wird indes immer energischer. Der Mutter scheint das ganz und gar ungeheuer und lässt sich von den akustischen Signalen ihrer Tochter nach unten leiten. Als sie unten ankommt und ihre Tochter sieht, zerzaust, geknebelt, angespieben, blutig und der Gestank erst! Da kann die Mutter auch nicht anders als sich über ihre eigene Tochter zu übergeben. Maria beginnt zu weinen. Das ist ihr wahrlich zu viel, von der eigenen Mutter angespieben zu werden. Als die Mutter die geknebelte Tochter daraufhin befreien will, kommt die Oma von hinten mit einer Hacke daher, um beide zu zerhacken. Aber just in dem Moment, in dem sie zum ersten Schlag gegen Marias Mutter ansetzen will, fällt ein großer, schwerer Holzprügel von hinten auf ihren alten, weichen Schopf. Die Oma brüllt nun ganz entsetzlich und geht in ihrem eigenen Gekreische unter, weil die obere Hälfte ihres Hauptes durch den Prügel ganz zerdrückt wurde und ihr Blut seinen Weg nach draußen sucht, in die Freiheit, raus aus diesem widerlichen Körper.
Als die Oma wie ein besiegter Drache zu Boden geht, erscheint von hinten der Stiefvater. Er hat den beiden das Leben gerettet. Die Oma stammelt ihre letzten Worte: „Maria, Kleines, dieser Mann hier ist nicht dein Vater. Du sollst die Wahrheit erfahren.“, das Gesicht der Mutter zerstürzt augenblicklich, als die Oma diese Worte auszusprechen imstande ist, „dein Opa ist dein Vater. Deine Mutter liebte ihren eigenen Vater, und was rausgekommen ist, bist du.“ Die Mutter schreit. Sie will die Wahrheit übertönen. „Sterbt, ihr alle!“, haucht es noch aus Omas wütenden und enttäuschten Mund. Der Stiefvater hat mit dem Holzprügel Omas Kopf endgültig zermanscht. Oh Familienglück! Jetzt schaut kurz alles so aus wie in einem Hollywood Film mit Happy End. Aber trotzdem mit Traurigkeit. Die Tochter wird entknebelt und das Familiendrei umarmt einander so fest und schmettert Freudentränen gegen den toten Großmutterkadaver. Geredet wird nicht viel, der Schock ist zu groß. Man weiß nicht, ob die drei je wieder sprechen werden nach diesen Minuten. Die Mutter ist in den letzten Sekunden um mindestens 30 Jahre gealtert.
Man beschließt, das Haus zu verlassen und ins Auto zu steigen. Die stockbetrunkenen Schneeflockenmänner haben im Freien mittlerweile eine ganze Armee gebildet. Sie werden langsam zur Bedrohung. Der Automotor springt an, man fährt los, langsam und achtsam, über die steile, kurvige und gefährlich eisige Straße, dann plötzlich immer schneller und unkontrollierter rast man davon, weg, weit weit weg. Absolut kein Verkehr.
Dj, 2010
